Die Entdeckung der Gegenwart

Es kommt hin und wieder vor, dass ich über das Leben nachdenke, wie es sein sollte. Wie wünsche ich mir, dass ich das Leben wahrnehme?

Ein wichtiger Aspekt davon ist es für mich die Gegenwart bewusst wahrzunehmen.

Es ist sicher nicht einfach in einer Gesellschaft, wo man diese und jene Termine und Pläne hat einfach nur in der Gegenwart bewusst zu leben und sicherlich ist es auch wichtig sich Gedanken über die Zukunft zu machen und zu planen. Allerdings vergessen wir darüber oft, dass das Nachdenken über die Zukunft lediglich ein Werkzeug darstellt um eine zukünftige Gegenwart nach unseren Vorstellungen zu ermöglichen.

Es gibt einem eine Art von Sicherheitsgefühl.

Wenn das allerdings darauf hinausläuft, dass wir nur noch Planen und von einem Termin zum nächsten Unterwegs sind ohne gleichzeitig uns der Wichtigkeit der Gegenwart bewusst zu werden, dann vertauschen wir die Funktion der Planung für die Zukunft als Werkzeug mit einem Selbstzweck. Schleichend messen wir der Gegenwart weniger Gewicht bei und es geht schlussendlich nur noch um die zukünftige Gegenwart, die wir nie erleben, weil wir nämlich in der zukünftigen Gegenwart wieder nur mit der Zukunft beschäftigt sind, ohne der Gegenwart den Stellenwert beizumessen, der ihr gebührt.

Das führt dann dazu, dass interessante Interaktionen mit Menschen, die wir nur sehr kurz treffen als Smalltalk abgetan werden. Überhaupt gibt es eine sehr unterschiedliche Definition von Smalltalk. Ich habe schon oft Gesprächspartner kennengelernt, die von Smalltalk nichts halten, weil sie dabei an ein Gespräch denken, welches völlig oberflächlich stattfindet. Wo man sich nichts zu sagen hat und wo das Gegenüber wenig spannend erscheint und das auf das Gespräch zurückgeführt wird.

Ich habe da ganz andere Erfahrungen gesammelt, wohl weil ich die Definition von “Smalltalk” etwas anders verstehe. Smalltalk ist in erster Linie ein Gespräch mit einer Person bei der der Inhalt des Gesprächs hinter der zwischenmenschlichen Interaktion zurücksteht. Das kann insbesondere ein Thema sein, welches beide Gesprächsparteien brennend interessiert, aber irrelevant für die Freude an der Kommunikation ist vom Inhalt her. Es ist natürlich auf anderer Ebene betrachtet alles andere als irrelevant, weil beide sehr gerne darüber reden. Aber der Gesprächsinhalt ist in bestem Falle austauschbar. Man könnte auch über etwas ganz anderes reden.
Selbst bei Gesprächen die über das Wetter beginnen ergeben sich automatisch Gesprächsthemen, die sehr viel weiter gehen, wenn beide Gesprächspartner sich darüber freuen miteinander zu reden. Die Freude an der Kommunikation mit dem Gegenüber steht im Vordergrund. Es geht nicht darum den anderen zwanghaft möglichst gut kennen zu lernen. Das geht auch gar nicht, weil vielleicht die Person nur 5 Minute deines Lebens mit dir redet.

Jetzt gibt es wieder andere die solch ein Gespräch als sinnlos einstufen, weil Zukunftsirrelevant. Man fällt im Vorhinein ein Urteil darüber ob diese Person für die Zukunft wichtig werden könnte, anstatt einfach die Gegenwart als das einzige Kriterium heranzuziehen.

Wenn diese Person meine Gegenwart erhellt und ich die ihre und das Thema über das wir reden austauschbar ist, ist das vielleicht die höchste Form zwischenmenschlicher Interaktion die mit einem Fremden stattfindet, weil keiner etwas für die Zukunft erwartet. Es ist die Freude am Gegenüber für die Gegenwart. Treffen solche Personen öfter aufeinander und lernen sich besser kennen, weil es bisher so interessant war, dann ergeben sich daraus automatisch immer interessantere Themen, weil mich der Mensch interessiert, ohne dass ich ihn zwanghaft verstehen möchte als Person. Vielleicht will ich einfach nur die Gegenwart mit dieser Person genießen und sie mit mir. Das ist relativ einfach.

Aus solchen Gesprächen ergeben sich natürlich automatisch zukunftsrelevante Kontakte ohne dass man das extra planen würde. Es passiert einfach. Man kann natürlich noch Kontaktdaten austauschen und somit eine Möglichkeit schaffen auch in Zukunft miteinander zu kommunizieren. Allerdings ohne diesen Zwang, ohne diese Absicht. Es herrscht Freiheit. Nicht ich entscheide bewusst darüber, ob und wie stark wir kommunizieren wollen, sondern ich schaffe nur die Möglichkeit, dass wir es tun könnten.

Natürlich fließt da auch ein wenig Zukunft mit rein, allerdings wie schon erwähnt eher als Option anstatt als harter Plan. Denn wer könnte mit jedem einen intensiven Kontakt unterhalten, den er kennt? Vielleicht will ich das ja gar nicht. Aber ich muss es auch nicht, weil es sich einfach natürlich ergibt. Ohne Zwang, durch Freiheit.

Bist du jemand, der gerne mit anderen Menschen redet – wenn man sich super unterhalten kann – weil es in der Gegenwart Spaß macht, oder überlegst du sofort, ob es eigentlich sinnvoll ist jetzt Zeit zu investieren?

Bei einem Gespräch, welches sich an der Gegenwart orientiert passiert echte zwischenmenschliche Anerkennung des Gegenübers als vollwertigen Gesprächspartner für die Gegenwart. Die Freude am Smalltalk wird zu so etwas wie: Die Freude an der anderen Person, an diesem Menschen. Wobei ich zugeben muss, dass ein einmal mit Smalltalk begonnenes Gespräch selten bei leichten Themen hängenbleibt. Man redet schnell über Musik, Technik, Wirtschaft, Philosophie, Gedanken, Ideen, Gott und die Welt und es ist alles andere als Smalltalk. Aber es ist der Smalltalkgedanke dabei. Die lockere Unterhaltung ohne mein Gegenüber für die Zukunft verpflichten zu wollen.

Und dann wäre da noch die Idee, dass du selbst dafür verantwortlich bist, wie ein Gespräch verläuft. Wenn du es nicht schaffst mit jemandem zu reden, akzeptiere das, aber schiebe es nicht auf Smalltalk, denn Smalltalk ist lediglich eine Möglichkeit spannende Menschen kennen zu lernen und niemals ein Indikator für etwas langweiliges. Denn dafür sind die Menschen zuständig und auch du. Und außerdem muss ein Gesprächspartner nicht interessant sein. Es ist eher ein Geschenk, wenn er oder sie es ist. Eine unglaubliche Fügung. Ein genialer Moment.

Zeige deinem Gegenüber, dass dir dieser Moment wichtig ist, wenn du mit ihm redest und vergiss einfach mal die Zukunft, denn es ist nicht wichtig jeden Menschen kennen zu lernen, mit dem man einfach nur reden will. Es ist fatal das zu wollen, führt es doch zu Abkapslung – weil einem die Kontakte zu viel werde.

Nimm dein Gegenüber in diesem Moment war. Dafür musst du nichts über ihn wissen, außer ob er gerne mit dir redet – genau jetzt – also ob ihr beide Interesse an dem Gespräch habt.

Die Gegenwart wird all zu oft unterbewertet, dabei ist sie alles was du hast.
Es gibt keine reale Zukunft und keine Vergangenheit während du nachdenkst. Vergangenheit und Zukunft haben beide die Eigenschaft nicht real zu sein.

Nur die Gegenwart ist real. Denn nur hier lebst du.

Atme ein und Atme aus.
Begreife für einige Sekunden das Hier und Jetzt.
Lebe.

2 Antworten auf „Die Entdeckung der Gegenwart“

  1. Diese Unterscheidung zwischen Small Talk und Small Talk habe ich so noch nie bewusst gemacht. Ich kenne meine Bewertungsmuster, wenn ein Gespräch mir inhaltlich zu uninteressant wird. Dann fehlt es bereits vorher meistens an zwischenmenschlichem Interesse.

    Letztens hatte ich ein Gespräch mit einem Mädel, das ich spontan angesprochen hatte. Wir führten 5 Minuten lang Small Talk und doch fühlte ich, dass die Chemie irgendwie nicht stimme. Sie hat sich relativ schnell verabschiedet und ich war völlig in Ordnung damit. Wenn’s nicht harmoniert, wozu soll ich es zwingend aufrecht erhalten?

    Deshalb sehe auch ich diese menschliche Verbindung als großen Faktor für gute Gespräche an. Die Themen sind dann meistens zweitrangig. Was sowieso immer bei mir mit meinen erzählten Worten mitschwingt sind doch meine Gefühle, die ich zum Thema X empfinde. Ich teile doch viel mehr meine aktuelle Gefühlswelt mit und weniger die rationalen Fakten dadrüber.

    Beste Grüße
    Micha :)

  2. @Micha Interessanterweise denken meist Menschen positiv über Smalltalk, die selbst ziemlich spannende Themen auf Lager haben, so dass es eben nicht lange beim Smalltalk bleibt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Smalltalk dann als negativ empfunden wird, wenn man sich nichts zu sagen hat. Nun gut. Dann wäre die Alternative eben gar nichts zu sagen. Doch meistens, so erlebe ich es immer wieder, ergeben sich mit spannenden Menschen auch spannende Themen.

    Und in der Regel fangen ja bekannter Weise alle Gespräche mit Smalltalk an :-)

    Ich sehe schon, wir sehen das ziemlich ähnlich.

    Liebe Grüße zurück, Monkey

Kommentar verfassen